Bericht zur ersten Projektphase

„Die Gesellschaft nach dem Geld. Eröffnung eines Dialogs“

Im Rahmen des in der Förderlinie „Originalitätsverdacht“ durchgeführten Projekts „Die Gesellschaft nach dem Geld. Eröffnung eines Dialogs“ ging es darum, uns in einer interdisziplinär zusammengesetzten Forscher*innengruppe über Krisentendenzen und Pathologien des modernen, kapitalistischen Geldsystems sowie über die Möglichkeiten einer post-monetären Ökonomie zu verständigen. Somit sollten erstens heterogene Wissensbereiche in einen Dialog treten und ihre Theorien und Kritiken des Geldes wechselseitig beleuchten: (heterodoxe) Ökonomik, Soziologie, Commonstheorie und Medientheorie. Dabei wurde zweitens ergebnisoffen und von obigen vier Warten aus über die Möglichkeit post-monetärer Organisations- und Produktionsformen nachgedacht. Der auf Vergleich und Kontraste abzielende modus operandi hat es ermöglicht, Unterschiede zu explizieren und eingefahrene Positionen in Bewegung zu bringen.

Als fruchtbar und zielführend hat sich die Vermutung erwiesen, dass es gegenwärtig einen Zusammenhang gibt, der sich als Kollision der digitalen Medien bzw. digitalen Technologien mit dem Medium Geld beschreiben lässt (und der zu anderen, älteren Konflikten wie etwa dem zwischen Geldvermehrung und Bedürfnissen hinzutritt). Semantisch manifestiert sich dies beispielsweise in der Überlagerung zweier gegenwärtig prominenter Gruppen von Selbstbeschreibungen: Einerseits ist nach wie vor die Rede von ‚digitaler Revolution‘, ‚Mediengesellschaft‘, ‚Netzwerken‘, ‚Industrie 4.0‘. Andererseits wird die Gegenwart als ausgesprochen krisenhaft beschrieben: ‚Finanzkrise‘, ‚Wirtschaftskrise‘, ‚Planetare Grenzen‘, Krise der Lohnarbeit‘. Es gibt also einerseits Beschreibungen eines technisch-medialen Umbruchs und andererseits jene von tiefgreifenden gesellschaftlichen Störungen.

Durchführung des Projekts

Das Projekt hatte – auch von Umfang, Ausstattung und Konzeption – explorativen Charakter. Ziel konnte es nicht sein – wie es nun im Folgeantrag anvisiert wird – bereits eine gemeinsame eigene Position zu erarbeiten. Die von uns gewählte Verfahrensweise bestand in einem kontinuierlichen Austausch über eine Mailingliste sowie in der Planung und Durchführung von mehreren Treffen/Workshops (siehe unten). Wir haben hier mit zwei Formaten gearbeitet, mit Klausurtreffen („Kerngruppentreffen“), wo sich die Antragsteller und die Mitarbeiter aus Ökonomik (Ernest Aigner), Soziologie (Lars Heitmann), Medientheorie (Jasmin Kathöfer, Nicole Zölllner), Commonstheorie (Christian Siefkes) verständigt haben, sowie mit Workshops, wo auch externe WissenschaftlerInnen aus den Bereichen Ökonomik (Ernst Lohoff, Peter Fleissner), Soziologie (Tobias Kohl), Medientheorie (Stefan Heidenreich), Commonstheorie (Friederike Habermann), sowie die Literaturtheoretikerin Annette Schlemm eingeladen wurden. Es kam zu intensiven, oft äußerst kontrovers geführten, aber sehr fruchtbaren Debatten zwischen den Vertreter*innen der verschiedenen Disziplinen, die in den Büchern des Projekts (s.u. in Detail) abgebildet werden,

17.12.2015: Erstes Gruppentreffen, Universität Bonn

18.03.2016: Klausurtreffen, Universität München, Vorbereitung des 1. Workshops

30.06 – 01.07 2016, 1. Workshop „Die Gesellschaft nach dem Geld“, WU Wien

23.09.2016: Klausurtreffen, Universität Bonn, Vorbereitung des 2. Workshops und Besprechung der Publikation

01./02.03.2017, 2. Workshop „Die Gesellschaft nach dem Geld“, Universität Bonn

12./13.06.2017, Ergebnispräsentation in Hannover

Publikationen/Vorträge/Öffentlichkeitsarbeit

Um zu einem fassbaren und sichtbaren Ergebnis zu kommen wurde frühzeitig beschlossen die Projektergebnisse in Form von zwei Bänden (deutsch, englisch) zu dokumentieren und zur Diskussion zu stellen. Der Diskussionsprozess im Projekt war kontrovers und es konnten nicht alle Differenzen und Probleme ausgeräumt werden – aber vielleicht liegt das bei einem derartigen Thema auf der Hand und ist auch gar nicht wünschenswert. Jedenfalls haben wir versucht, der internen Dynamik des Bandes durch die etwas ungewöhnliche Form des Buches Rechnung zu tragen und die Bücher nicht als Anthologien, sondern als eine Art kollaborative Monographie des „Projekts Gesellschaft nach dem Geld“ (so die Autorenangabe auf den Büchern) anzulegen. Auch wurde im Prozess der Texterstellung ein wechselseitiges Kommentierungsverfahren praktiziert, darüber hinaus sind zwei Trialoge enthalten, in denen sich jeweils drei Projektmitglieder bzw. „Gäste“ in einer Art Gesprächsform verständigen. Das Format dieses Buches dokumentiert die fruchtbare interdisziplinäre Kooperation, die auch zu neuen konzeptionellen Vermittlungen zwischen den verschiedenen Fächern führte – so kam es etwa im Aufsatz Kathöfer/Schröter für das geplante Buch zu einer medientheoretischen Neulektüre ökonomischer Positionen (hier Friedrich v. Hayek) und dem Versuch diese Ansätze auf die Theorie digitaler Medien – mit Blick auf deren Operationalisierung für postmonetäre Ökonomien – zu beziehen. Stefan Meretz als Vertreter der Commonstheorie übernahm wiederum medientheoretische Fragestellungen in seine Darstellung der polyzentrisch-stigmergischen Kooperation. Christian Siefkes als Vertreter der Commonstheorie ging nach intensiven Debatten mit den Ökonomen dazu über, die dominierenden Formen der Geldkritik selbst einer Kritik zu unterziehen. Friederike Habermann verwies wiederum auf die blinden Flecken hinsichtlich Gender, die praktisch allen beteiligten Disziplinen zu eigen sind. Die Ökonomen wiederum luden Vertreter der Medientheorie (Heidenreich, Kathöfer, Schröter) auf die Jahrestagung der EAEPE (European Association for Evolutionary Political Economics) ein, wo sie Vorträge hielten und so die interdisziplinäre Diskussion fortgeführt wurde etc. Das Manuskript der deutschen Buchfassung, der Vertragsverlag sowie zwei externe Gutachten zur in Vorbereitung befindlichen englischen Buchfassung sind diesem Antrag beigefügt. Neben dieser Ergebnisdokumentation (deutsch/englisch) sind zahlreiche weitere einschlägige Publikationen einzelner Projektmitglieder entstanden. Das Projekt war öffentlich sehr sichtbar, so hat u.a. WDR 5 ein Radiofeature über das Projekt gemacht.

Publikationen in Vorbereitung/im Erscheinen

-Projekt „Gesellschaft nach dem Geld“: Die Gesellschaft nach dem Geld, Springer, vorauss. 2018.

-Projekt „Gesellschaft nach dem Geld“: Society after Money, Bloomsbury, vorauss. 2018.

-Schröter, Jens/ Heilmann, Till A. (Hrsg,)(2018): Marx als Medientheoretiker, Sonderheft von Maske und Kothurn (inkl. Übersetzungen Cros, Mager, Nelson), 2018.

-Kathöfer, Jasmin: Das Spiel mit dem Geld. Erzeugung von Bildern des Geldes sowie der Gesellschaft anhand von Brettspielen wie Monopoly, in Ellenbürger/Gregor (Hrsg.): (Falsch)Bilder des Geldes. Bildkultur und Medienreflexion, 2018

-Schröter, Jens: Die Medialität des Geldes und seine Repräsentierbarkeit, in Ellenbürger/Gregor (Hrsg.): (Falsch)Bilder des Geldes. Bildkultur und Medienreflexion, 2018

Erschienene Publikationen mit Projektbezug

-Schröter, Jens/ Heilmann, Till A. (Hrsg,)(2016). Medienwissenschaft und Kapitalismuskritik, Navigationen. Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften, Jg. 16, H. 2.

-Siefkes, Christian (2016). Produktivkraft als Versprechen. In: Prokla, 185, S. 621-638. URL: http://keimform.de/2016/produktivkraft-als-versprechen/

-Siefkes, Christian (2016). Freie Software und Commons. Digitale Ausnahme oder Beginn einer postkapitalistischen Produktionsweise? In: Navigationen, (2), S. 37-53. URL: http://keimform.de/2016/freie-software-und-commons/

-Siefkes, Christian (2016). Eine Welt, in der alle gut leben können. Das Potenzial der commonsbasierten Peer-Produktion. In: Andrea Baier; Tom Hansing; Christa Müller; Karin Werner (Hg.), Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis, S. 63-70, Transcript, Bielefeld. URL: http://keimform.de/2016/eine-welt-in-der-alle/

-Exner, Andrea*s; Justin Morgan; Franz Nahrada; Anitra Nelson; Christian Siefkes (2016). Demonetarisierung: Geld ist das Problem! In: Degrowth in Bewegung(en). URL: http://www.degrowth.de/de/dib/degrowth-in-bewegungen/demonetarisierung/

-Pahl, Hanno (2017). Geld in der Soziologie. Struktur-, kultur- und performativitätstheoretische Perspektiven. In Schlitte, Annika, Denzler, Alexander und Huditz, Franziska (Hg.): Geld – Wert und Werte. Interdisziplinäre Annäherungen an ein Kulturphänomen. Würzburg: Königshausen u. Neumann. 2017, S. 159-170.

-Meretz, Stefan (2017). Peer-commonist produced livelihoods. In Ruivenkamp, G. & A. Hilton: Perspectives on Commoning. Autonomist Principles and Practices, London: Zed Books, S. 417-461.

-Meretz, Stefan (2016). Vermittlung. In Streifzüge 68, S. 11.

-Hardy Hanappi & Manuel Scholz-Wäckerle (2017). Evolutionary Political Economy: Content and Methods, Forum for Social Economics, DOI: 10.1080/07360932.2017.1287748

-Lukas Likavcan & Manuel Scholz-Wäckerle (2017). Technology appropriation in a de-growing economy. In Journal of Cleaner Production 2017, S. 1-10.

-Schröter, Jens (2017). Der 3D-Druck und der Kapitalismus. In Ernst et al.: 3D Druck, Heft 115/116 von Sprache + Literatur, S. 106-118.

-Schröter, Jens (2018): Das Geld und die Medientheorie, Zeitschrift für Medienwissenschaft 1/2018 (Thema: Medienökonomien), S. 59-72, peer-reviewed.

Vorträge, die im Rahmen des Projekts gehalten wurden

-Meretz, Stefan: Zur Entstehung und Überwindung des Geldes (mit Fabian Scheidler), Stuttgart Open Fair Forum, 29.-31. Januar 2016. URL: http://keimform.de/2016/entstehung-und-ueberwindung-des-geldes/

-Kathöfer, Jasmin: Wir sind die Roboter – Darstellung automatisierter Arbeit und Disziplinierung des Körpers, Studierendenkongress Komparatistik (SSK), LMU München, 17.-19. Juni 2016

-Meretz, Stefan: Gesellschaftliche Vermittlung jenseits von Geld und Tausch, Workshop „Die Gesellschaft nach dem Geld“, WU Wien, 30. Juni – 01. Juli 2016. URL: http://keimform.de/2016/gesellschaftliche-vermittlung-jenseits-von-geld-und-tausch/

-Meretz, Stefan: Mit Marx, Commons und Internet zum Commonismus, Seminar „Marx in the Age of Digital Capitalism“, Universität Bonn, 12. Juli 2016. URL: http://keimform.de/2017/marx-commons-und-internet/

-Schröter, Jens: Die Medialität des Geldes und seine Repräsentierbarkeit, (Falsch)Bilder des Geldes. Bildkultur und Medienreflexion, Universität Hamburg, 08.-10. Juni 2017

-Kathöfer, Jasmin: Das Spiel mit dem Geld. Erzeugung von Bildern des Geldes sowie der Gesellschaft anhand von Brettspielen wie Monopoly, (Falsch)Bilder des Geldes. Bildkultur und Medienreflexion, Universität Hamburg, 08.-10. Juni 2017

-Schröter, Jens/Kathöfer, Jasmin: Präsentation des Projekts: Society after Money. A Project funded by the Volkswagen Foundation, Vortrag auf der Jahrestagung der European Association for Evolutionary Political Economy (EAEPE), Budapest 19-21.10.2017.

-Aigner, Ernest, Scholz-Wäckerle, Manuel. Digital Money in an evolving political economy. A Great Transformation? Global Perspectives on Contemporary Capitalisms, JKU, Liniz, Austria, 11.01-15.11.2017

-Aigner, Ernest, Scholz-Wäckerle, Manuel. Political Economy of Digital Money. Vienna International Summer School. 6. 9. 2017, Wirtschaftsuniversität Wien.

-Pahl, Hanno, Trajektorien postmonetärer Vergesellschaftung: Eine Gesellschaft nach dem Geld? Rosa-Luxemburg Stiftung / Helle Panke e.V., Berlin, 7.03.2018.

Online-Auftritte/Öffentlichkeitsarbeit

-Website: http://nach-dem-geld.de

-Facebook: https://www.facebook.com/nachdemgeld/

-WDR 5 Scala, Radiofeature über das Projekt: http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-scala-aktuelle-kultur/audio-utopia-gibt-es-eine-gesellschaft-nach-dem-geld-102.html (inzwischen offline)

-Teilnahme von Prof. Dr. Jens Schröter am Herrenhäuser Forum zum Thema „Industrie 4.0“, 30.11.2017, Hannover.